Getting physical: STIER | ZEMKE | VOLIC

Eröffnungsausstellung

Getting physical
STIER | ZEMKE |  VOLIC
09.10.11 – 04.11.11

Vernissage 08.10.11, 18h

English

Die Eröffnungsshow „Getting Physical“ des neuen – und ersten – Videospace für zeitgenössische Videokunst in Mannheim bringt Arbeiten von drei renommierten internationalen KünstlerInnen zusammen.

Die ausgewählten Arbeiten beleuchten verschiedene Facetten des menschlichen Körpers und der Körperwahrnehmung. Gerade in Zeiten zunehmender virtueller Vernetzung und Internet-Kommunikation wird die tatsächliche körperliche Präsenz immer mehr zur Nebensache. Social Networks, Smartphone und Co. erleichtern den zwischenmenschlichen Austausch, machen aber zugleich den Kontakt von Angesicht zu Angesicht überflüssig. Gleichzeitig greift ein zunehmend exzessiver Körperkult um sich. Dank Kosmetik, Kleidungsindustrie und Medizin rückt ein individuell gestaltbares Schönheitsideal in greifbare Nähe. Zwei Seiten einer Medaille? Wächst in einer virtuell entgrenzten Welt das Bedürfnis nach einem greifbaren physischen Anker, der alle verbindet?

Die Videoarbeiten zeigen verschiedene Facetten der Körperlichkeit und der zwischenmenschlichen Kommunikation durch Mimik und Gestik, der physischen Grenzen und ihrer Überwindung. Sie regen zum Nachdenken an und eröffnen vielschichtige Interpretationsansätze. Darüber hinaus begrenzen sich die Zugängen nicht nur auf die inhaltlichen Perspektive, sondern sie sensibilisieren auch den Blick für die Arbeit mit dem Medium Video.

© Fritz Stier

© Fritz Stier

In der Monitorarbeit „Con Torso“ des Mannheimer Künstlers Fritz Stier verbiegt sich eine Schlangenfrau. Mit einer Highspeed-Kamera gefilmt zerdehnen sich die Übungen, die sonst nur Sekunden dauern, ins Unendliche. Der bis an seine Grenzen verformte Körper der Artistin erscheint beinahe skulptural, ein Effekt, der durch die Schwarzweiß-Aufnahme noch verstärkt wird. Die in Zeitlupe gefilmten Bewegungen zwingen den Betrachter zum genauen Hinschauen – in der reiz- und bilderüberfluteten Medienwelt fast ein Kunststück an sich.

Eine andere Perspektive nimmt die Berliner Künstlerin Berit Zemke ein, die den Betrachter Teil der Arbeit „EQ“ werden lässt: Er sieht sich verschiedenen Personen gegenüber, deren Gesichter deutliche Emotionen zeigen. Sie schauen nachdenklich, lachen, raufen sich die Haare. Gefilmt wurden Schauspieler und Schauspielerinnen, die die Beschreibungen verschiedener emotionaler Situationen nonverbal umsetzten. Diese Schilderungen wiederum basierten auf den Erzählungen von Frauen und Männern, die zuvor nach ihren Gefühlen in bestimmten Situationen befragt wurden. Diese werden von den Schauspielern frei interpretiert.

© Berit Zemke

Dadurch findet sich der Betrachter in einer Dialogsituation wieder, die seine gewohnte Wahrnehmung von zwischenmenschlicher Mimik und den damit assoziierten Gefühlen herausfordert. Wo fangen meine Gefühle an, wo die der anderen? Wie viel Interpretationen steckt in meiner Wahrnehmung von Emotionen meines Gegenübers? Liegen auch Emotionen – wie Schönheit – letztlich immer nur im Auge des Betrachters?

Eine andere Art der Kommunikation rückt Zemkes Arbeit „Gestures“ in den Blick. Neben dem Gesicht ist die Hand der ausdrucksstärkste Körperteil, der in der zwischenmenschlichen Kommunikation von zentraler Bedeutung ist.

© Berit Zemke

„A gesture is a movement through which freedom is expressed. It either conceals or discloses the person who is gesticulating.“ (Vilém Flusser)

Inspiriert von Vilém Flusser fokussiert Zemke den Blick auf eine Hand, die fast schon meditativ verschiedene Bewegungen stetig wiederholt: Eine Hand öffnet sich und schließt sich, eine Hand öffnet eine Box, ohne dass klar wird, was sich darin befindet, eine Hand kippt einen Fächer – an sich schon ein historisch mit Bedeutung aufgeladenes nonverbales Kommunikationsmittel – auf und ab. Durch die ständige Wiederholung, ohne dass sich ihr Zweck enthüllt, erscheinen die Bewegungen zugespitzt und funktionslos. Dennoch läuft alles in einem Rahmen ab – der jedoch immer wieder überschritten wird.

© Svetlana Volic

© Svetlana Volic

Die Arbeit „Presence“ der serbischen Künstlerin Svetlana Volic verdichtet Elemente der anderen Videos und erweitert sie zugleich um eine sehr persönliche Perspektive. Das Video zeigt eine intime, introspektive Studie menschlicher Sehnsucht und Verletzlichkeit, Spiritualität und Empathie, dem Bedürfnis nach Berührung und Austausch mit anderen. Gedreht als Nachtaufnahme ist auch dieses Video in Schwarzweiß. Es stellt der Klarheit von  „Con torso“ jedoch eine Unschärfe und Verschwommenheit gegenüber, die die Stimmung der Protagonistin widerspiegelt. Von dieser sind nur Teile zu sehen – ein Auge, das den Betrachter jedoch nie ansieht, ihre Hand, die im Dunkeln tanzt und mit Federn und kleinen Spiegeln spielt. Durch die Vervielfältigung der Bilder und Bewegungen sowie dem Licht auf mehreren halbtransparenten Oberflächen entsteht ein meditativer Rhythmus der den Betrachter in einen imaginären Raum voller visueller Poesie hineinzieht.

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