Getting territorial: HUTTER | ZHENG | O’DONOGHUE

Getting territorial
HUTTER | ZHENG | O’DONOGHUE 
06.11.11 – 02.12.11

Vernissage 05.11.11, 18h

 English

Nachdem die Show „Getting physical“ verschiedene Facetten des menschlichen Körpers und der Körperwahrnehmung, der zwischenmenschlichen Kommunikation und ihrer physischen Grenzen beleuchtet hat, wendet „Getting territorial“ den Blick nach außen, auf den Menschen in seinem Umraum.

Menschen definieren sich über ihren Umraum. Man bewegt sich immer in einem Raum und verhält sich zu ihm. Jeder hat, bewusst oder unbewusst, das Bedürfnis, sich in seinem Umfeld zu verorten und sich zu diesem zu verhalten. An einem Ort heimisch zu werden bedeutet auch, sich den Umraum so zu gestalten, dass man sich dort wohl fühlt – so richtet man sich etwa sein Zuhause nach seinem Geschmack ein, stellt Möbel auf, dekoriert.

Das Bedürfnis, sich in seinem Umraum zu verorten, indem man diesen gestaltet, richtet sich aber auch nach außen – nichts anderes bedeuten etwa Siedlungsgründung, Landschaftsgestaltung, das Anlegen von Verkehrsnetzen. Die Raumgestaltung umfasst damit ebenso eine private wie eine öffentliche Dimension.

Die Gestaltung des Umraums geht aber noch weiter: Auch durch psychische und emotionale, soziale und politische, ökonomische und kulturelle Aspekte markieren wir unser „Territorium“, grenzen uns ab und verorten uns auch im übertragenen Sinne.

Die Videoarbeiten beschäftigen sich mit verschiedene Facetten dieses fundamentalen Verhältnisses von Mensch und Umraum und verweisen auf unterschiedliche Aspekte in diesem Bezugsverhältnis – privat und öffentlich, fremd und eigen, statisch und dynamisch.

© Michael Zheng

© Michael Zheng

Der chinesisch-stämmige US-Performance-Künstler Michael Zheng erschließt sich ein fremdes Haus, indem er es buchstäblich erläuft: Als Gast bei Freunden läuft er mehrmals dieselbe Route durch die Zimmer, vom Obergeschoss über die Treppe ins Untergeschoss, immer im gleichen Tempo, immer die gleiche Raumfolge. Dabei trägt er eine Kamera in Hüfthöhe, die seine Wege filmt.

Drei parallel abgespielte Videos dieser Routen zeigen, dass es trotz der immer gleichen Abläufe doch zu Unterschieden, Verschiebungen, Abweichungen kommt. Die Raumwahrnehmung ist niemals ganz dieselbe – stets gebunden an die Bewegung des Beobachters ändert sich die Wahrnehmung des Umfelds beständig. Die Arbeit verweist auf den fundamentalen „Konflikt“ von Dynamik und Statik: Der Mensch ist umgeben von einem (mehr oder weniger) statischen häuslichen Umraum, zu dem er sich verhält. Veränderungen im Raum selbst erfolgen, wenn, nur langsam, während sich der Mensch beständig im Raum bewegt.

© Enda O'Donoghue

© Enda O'Donoghue

Das Video „Off course“ von Enda O’Donoghue hingegen zeigt Aufnahmen eines natürlichen Außenraums, von Meer und Strand. Dieser Naturraum bewegt und verändert sich kontinuierlich. Die Sequenzen zeigen Ausschnitte aus Überwachungsvideos, die live von verschiedenen Orten auf der ganzen Welt übertragen. Der Betrachter sieht jedoch Szenen, die nichts „Überwachenswertes“ zu zeigen scheinen. Meer, Wind, Wolken, zwei Muschelsucher. Die Arbeit führt das Phänomen, das insbesondere im angelsächsischen Raum kulminiert, alles mit Kameras überwachen zu wollen, ad absurdum. Sie weist aber auch auf das menschliche Verlangen hin, Aktionen kontrollieren zu wollen und dadurch Sicherheit zu erreichen, indem Räume „beherrscht“ werden.

Der Titel „Off course“ spielt an auf die „Off course Navigation“, bei der ohne Kurs gesegelt wird: Vor der elektronischen Navigation konnten man auf diese Weise ein Ziel finden, dessen konkrete Lage man nicht kannte. Statt das Ziel direkt anzusteuern, schiffte man bewusst daneben, sodass man, sobald die richtige Richtung zum Ziel gefunden war, wusste, auf welcher Seite das Ziel liegen musste.

© Enda O'Donoghue

© Enda O'Donoghue

O’Donoghues Video „Minute of Angle“ hingegen richtet den Blick wieder auf den menschengemachten Raum. Von außen blickt man nachts auf Fenster, die zwar bewohnt sind, die Bewohner selbst sind jedoch nicht zu erkennen. Zu sehen sind aber ihre Spuren, die Veränderungen, die sie im Zimmer hinterlassen – Licht und Schatten, schemenhafte Bewegungen, künstliche Lampen. Deutlich wird der Dualismus von Innen und Außen, von Öffentlich und Privat, von Statisch und Dynamisch, aber auch von Beobachten und Beobachtet-Werden, von Voyeurismus und Privatsphäre.

Der Titel „Minute of Angle“ – die Winkelminute – bezeichnet den sechzigsten Teil eines Winkelgrads und dient zu Angabe von Winkelgrößen. Verwendet wird die Einheit unter anderem auch zur Berechnung von Einschusswinkeln auf Radarschirmen.

Die Arbeiten der Mannheimer Künstlerin Ruth Hutter erweitern das Spektrum um die zwischenmenschliche Dimension. Auch in sozialen Beziehungen „verortet“ man sich in unterschiedlicher Weise. So ist in „Backpiece“ bildlich zu beobachten, wie jemand im wahrsten Sinne sein Territorium markiert:

© Ruth Hutter

© Ruth Hutter

Zu sehen sind in Großaufnahme die körperlichen Folgen eines Schlages auf bloßer Haut, ohne dass weder das ausführende Gegenüber noch die Berührung selbst zu erkennen sind. „Backpiece“ ist auch ein ironisches Statement, das mit wenigen Mitteln ein komplexes Gedankenspiel öffnet: Wer schlägt? Ich selbst oder ein anderer? Warum? Neckend oder bedrohlich? Und – wohin? Was sehen wir da eigentlich?

© Ruth Hutter

© Ruth Hutter

In ebenso reduzierter Weise präsentiert sich das „Lovepiece“: Ein Closeup eines eines feuchten Sandbodens, in ihn das Wort „Love“ geschrieben, das von den Wellen immer wieder verschlungen wird. Auch hier ist das Statement ebenso deutlich, wie es vielschichtig ist. Liebe ist eines der stärksten Momente zwischenmenschlicher Beziehungen, das wie kein zweites „Raum“ beansprucht – in der Aufmerksamkeit des Partners, im eigenen Leben, im Miteinander mit sich und den anderen. Zugleich ist „Love“ eines der großen Themen der Menschheit, die uns beschäftigen, ohne dass wir uns einer endgültigen Bestimmung annähern könnten – es verschwimmt vor unseren Augen und ist doch immer wieder präsent.

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